© Florian Weiss
Tag 1
Den Anfang für mich machen Washington. Die drei Norweger verzücken in der Prinzenbar, einem alten Gewölbekeller mit massig Stuck an der Decke, Engelsfiguren und einem Monster-Spiegel über der Bar mit ihrem Sound der an Coldplay und Muse angelehnt ist. Anschliessend geht es weiter zu J. Tillmann ins Imperial Theater. Dort wo sonst Krimi-Theater wie “Morden im Norden”, oder “Der Engel des Schreckens” aufgeführt werden, steht für einmal ein Hüne in Lederboots und zerrissenem Hemd auf der Bühne. Der Drummer der Fleet Foxes ist seit längerem schon mit einer Gitarre und der eigenen Band unterwegs und präsentiert seine teils brachialen Folk-Songs mit Post-Rock Einschlag in der Stadt. Vis à Vis herrscht im Molotow Sauna-Atmosphäre. Denn: Eine Lüftung ist hier inexistent. Die waliser Band Future of The Left scheint dies aber wenig zu interessieren und die drei Herren stehen schweissgebadet auf der Bühne. Hardcore für Erwachsene passt wohl am ehesten als Genrebeschreibung. Gespickt ist der doch ehe harte Sound mit Elementen die an die Beastie Boys erinnern. Dem Publikum gefällts und mir auch - trotzdem flüchte ich nachdem es anfängt von der Decke zu tropfen aus dem Sauna-Keller. Nach einem kurzen Abstecher zu Au Revoir Simone, deren Sound sehr dürr und monoton klingt gehts nochmals in die Prinzenbar zur Afterparty mit genügend Astra.
Tag 2
Zurück auf dem Kiez. Zurück in der wunderschönen Prinzenbar bei den Micragirls aus Finnland. Die drei Damen aus dem hohen Norden spielen in ihren schwarzen Uniformen reine Beatmusik. Dem Typ im “Voodo Rhythm Records”-Shirt vor mir gefällts - mir weniger und ich ziehe weiter in den Bunker. In der ganzen Stadt gibt es über 700 davon, die meisten Unterirdisch. Die Überbleibsel aus dem zweiten Weltkrieg werden heute nicht mehr gebraucht und sind darum fast alle umfunktioniert. So auch der riesen Betonklotz beim Heiligengeistfeld. Im obersten Stock der Club, Übel & Gefährlich. Wohl die optimalste Lage überhaupt für ein Konzertlokal - die meterdicken Betonwände verhindern nämlich jegliche Lärmimission nach draussen. Auf der Bühne reichlich Krach machen dann auch die Herren von Reverend & The Makers. Mit ihrem Mix aus Synthiepop, Gitarrensound und Hip-Hop hat die Band aus Sheffield vor allem eins: Die Fähigkeit das Publikum zum Tanzen zu bringen. Ein Mann fernab unserer Zeitrechnung stellt kurz danach das Imperial Theater auf den Kopf. Seasick Steve (bald 70 Jahre alt) spielt knorrigen Blues. Der alte schrullige “Seebär” ist etwas kauzig und zückt immer wieder selbstgebaute Gitarren hinter der Bühne hervor. Er selbst sagt gerne was er denkt, besonders über seine Gitarren “a real piece of shit” - dermassen liebevoll bezeichnet er seine rote Klampfe mit nur drei Saiten. Trotzdem in den Händen des erfahrenen Musikers mutiert das Ding zur Bluesmachine und zusammen mit seinem Drummer erntet er Applaus von kreischenden Besuchern die seine Enkel sein könnten.
Tag 3
Ein Name ist heute rot umkreist in meinem Programm: Friska Viljor. Und die sympathischen Schweden sind das Festivalhighlight. Rausgeputzt und in Fracks betreten sie die Bühne - Das Konzert ist ein spezieller Anlass für die Schweden, ist doch Hamburg sowas wie eine zweit Heimat für sie geworden. Hier hatten sie ihr erstes Konzert in Deutschland. Gehuldigt wird das natürlich auch auf ihrem neuen Album “For New Beginnings” mit dem Song “Wohlwillstrasse”, der Ort wo ihre Karriere in einem Plattenladen anfing. Friska Viljor - ein wahrer Publikumsmagnet mit ihren “Trinkliedern” die auch nicht Saufkumpanen begeistern. Den Festivalabschluss machen dann noch Turboweekend aus Dänemark. Sie spielen ihre Partymusik mit viel Drive im Knust vor viel zu wenig Publikum.

Jeden Montagabend von 17 bis 18 Uhr gibts bei "Ear Candy" Zucker für die Ohren.
Ein Kommentar
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